155. Verdammt nog malt

decke und denken und deckel und dunkel werden eins
stumm wird gewartet du wartest auf mich ich warte auf dich
es brummt etwas überall neben uns
der zug des abendlandes rollt weiter
bildersturm. kein sockel ist sicher
wehrt euch liebe menschen ihr sollt euch ein bild malen

ihr sollt bilder malen
sofort!
recht viele bilder
mit der farbe euer schicksal, mit der farbe euer spaß

malt!

mit der farbe euer unruh, mit der farbe euer hass

malt!

mit der farbe euer stolz, mit der farbe euer nichts

malt!

so lange es noch farben gibt malt

verdammt noch malt.

154. Ruhm

Ruhm

Werde nun, ach, für alles hoch gelobt
kein Mensch erspart mir seine Komplimente
all was faul und dumm in meinem Geiste tobt
hält locker hundert Kritiker aus der Rente

Es fließt jetzt alles der Anstrengung bar
und ohne Grübeln mir aus der Feder
und wenn’s den Herren Rezensenten zu blöde war
dann ziehe ich auch gegen sie vom Leder

Ich bekomme prompt eine Schelte aus ihrer Hand
“was haben Sie denn da Übles geschrieben?”
doch da jeder alles mit allem geistlos verband
krieg ich mein eigenes Opus unter die Nase gerieben

Sie sind nun so begeistert über was ich alles schrieb
sie bündeln meine Briefe in einem hübsch broschierten Band
ach! Ein Bestseller wird’s sein, ein schöner Seitenhieb
Glauben Sie’s mir, dafür stehe ich garant

152. Eine Bildungsreise

Immer wieder flammen meine Minderwertigkeitsgefühle auf, und greife ich nach einem Buch der ‘umfassenden Bildung’. In der Vergangenheit habe ich so die Ideengeschichte Peter Watsons gelesen. Zu meinem Entsetzen muß ich auch nach vielen Jahren lesen und studieren (obwhol außerhalb der Universität) feststellen, dass mein Bildungsstand nicht an die Allgemeinbildung eines süddeutschen Abiturienten.

Kann man “Bildung” überhaupt nachholen? Zeitgenössische Erkenntnisse über die Flexibilität unseres Gehirns (und damit unseres Geistes) machen Mut. Deshalb habe ich, inzwischen vierzig Jahre alt, das Buch “Bildung” des kontroversen, 2004 verstorbenen, Englishprofessors Dietrich Schwanitz durchgelesen. Er feiert das humanistische Bildungsideal in einer Zeit just vor dem Vormarsch der sozialen Medien und Wikipedia – heute bräuchten wir so eine Übersichtsdarstelling umso mehr.

Und? Klar, die Fremdwörter, die Schwanitz mit pedantischem Eifer alle ins Deutsche überträgt, kannte ich alle, aber simple Fakten fehlten. Brutus, der uneheliche Sohn Caesars. Und wer waren Cato, Crassus, Pompei? Die Phönizier sind ja die Karthager. Amphytrion, Alcmene, Herakles? Elektra? Im Mittelalter, wer war Chlodwig? Wann lebte Karl V? Die Pest 1347-1350? Renaissance. Wer war Palladio? Vasari? Moderne. Was war de Rheinbund? Wann endete das Heilige Römische Reich der Deutschen Nation? Neuzeit. Was ermöglichte Hitler? Kunst. Wann lebte Dürer? Literatur. Wer schrieb Wurthering Heights? Wie charakterisieren wir Ionesco, Pirandello, Brecht, Shaw, O’Neill und Beckett?

Ich kam zu dem traurigen Schlus, dass ich nie gebildet worden bin. Die Armseligkeit des Unterrichts an jener Schule, an dem ich einst das niederländische “Abitur” schrieb, ist kaum zu überbieten. Und auch danach, an der Universität, hat mir niemand gesagt, “wo es lang geht”. Ja, wir lasen vereinzelt Texte von Aristoteles bis Adorno, und schrieben Klausuren – wie an einer Schule, verdammt noch mal. Nie hatte ich das Gefühl, an einer Universität zu studieren mit regem Meinungsaustausch und umfassender Bildung. Bildung war etwas, das dem Anderen gehörte: Leuten die an einem ordentlichen Gymnasium von begeisterten Lehrern unterrichtet waren, Leuten die zu Hause die Bildungssprache einübten mit Eltern die ebenso begeistert die Bildungskultur weitergeben, da sie wissen, dass diese sonst verloren geht.

All das muß man nachholen, egal in welchem Alter, egal ob man schon eine Dissertation geschrieben hat und alles “schon mal” gelesen hat. Wir sind ständig dazu aufgefordert, eine Bildungsreise zu unternehmen, und sei sie noch so bescheiden.

151. Ratzinger

Aus 2013:

Der heil’ge Geist ist nicht ganz mehr wach
und auch sein Körper lasst nach und nach
Also leider entkommt man nicht das Verdikt:
Es ist das Aus fur Herrn Benedikt

Der Ratzinger trug Pelz noch Fell
gekleidet ging er eher traditionell
Er war kein Modepapst, sondern bodenständig und normal
– und jetzt ist er halt wieder Kardinal

Sein Nachfolger war zunachst unbekannt
und die ganze Welt wartete zurecht gespannt
bis da aufstieg der weisse Rauch
und gehullt in ihm stand Günther Jauch