152. Eine Bildungsreise

Immer wieder flammen meine Minderwertigkeitsgefühle auf, und greife ich nach einem Buch der ‘umfassenden Bildung’. In der Vergangenheit habe ich so die Ideengeschichte Peter Watsons gelesen. Zu meinem Entsetzen muß ich auch nach vielen Jahren lesen und studieren (obwhol außerhalb der Universität) feststellen, dass mein Bildungsstand nicht an die Allgemeinbildung eines süddeutschen Abiturienten.

Kann man “Bildung” überhaupt nachholen? Zeitgenössische Erkenntnisse über die Flexibilität unseres Gehirns (und damit unseres Geistes) machen Mut. Deshalb habe ich, inzwischen vierzig Jahre alt, das Buch “Bildung” des kontroversen, 2004 verstorbenen, Englishprofessors Dietrich Schwanitz durchgelesen. Er feiert das humanistische Bildungsideal in einer Zeit just vor dem Vormarsch der sozialen Medien und Wikipedia – heute bräuchten wir so eine Übersichtsdarstelling umso mehr.

Und? Klar, die Fremdwörter, die Schwanitz mit pedantischem Eifer alle ins Deutsche überträgt, kannte ich alle, aber simple Fakten fehlten. Brutus, der uneheliche Sohn Caesars. Und wer waren Cato, Crassus, Pompei? Die Phönizier sind ja die Karthager. Amphytrion, Alcmene, Herakles? Elektra? Im Mittelalter, wer war Chlodwig? Wann lebte Karl V? Die Pest 1347-1350? Renaissance. Wer war Palladio? Vasari? Moderne. Was war de Rheinbund? Wann endete das Heilige Römische Reich der Deutschen Nation? Neuzeit. Was ermöglichte Hitler? Kunst. Wann lebte Dürer? Literatur. Wer schrieb Wurthering Heights? Wie charakterisieren wir Ionesco, Pirandello, Brecht, Shaw, O’Neill und Beckett?

Ich kam zu dem traurigen Schlus, dass ich nie gebildet worden bin. Die Armseligkeit des Unterrichts an jener Schule, an dem ich einst das niederländische “Abitur” schrieb, ist kaum zu überbieten. Und auch danach, an der Universität, hat mir niemand gesagt, “wo es lang geht”. Ja, wir lasen vereinzelt Texte von Aristoteles bis Adorno, und schrieben Klausuren – wie an einer Schule, verdammt noch mal. Nie hatte ich das Gefühl, an einer Universität zu studieren mit regem Meinungsaustausch und umfassender Bildung. Bildung war etwas, das dem Anderen gehörte: Leuten die an einem ordentlichen Gymnasium von begeisterten Lehrern unterrichtet waren, Leuten die zu Hause die Bildungssprache einübten mit Eltern die ebenso begeistert die Bildungskultur weitergeben, da sie wissen, dass diese sonst verloren geht.

All das muß man nachholen, egal in welchem Alter, egal ob man schon eine Dissertation geschrieben hat und alles “schon mal” gelesen hat. Wir sind ständig dazu aufgefordert, eine Bildungsreise zu unternehmen, und sei sie noch so bescheiden.

151. Ratzinger

Aus 2013:

Der heil’ge Geist ist nicht ganz mehr wach
und auch sein Körper lasst nach und nach
Also leider entkommt man nicht das Verdikt:
Es ist das Aus fur Herrn Benedikt

Der Ratzinger trug Pelz noch Fell
gekleidet ging er eher traditionell
Er war kein Modepapst, sondern bodenständig und normal
– und jetzt ist er halt wieder Kardinal

Sein Nachfolger war zunachst unbekannt
und die ganze Welt wartete zurecht gespannt
bis da aufstieg der weisse Rauch
und gehullt in ihm stand Günther Jauch

150. Die höchste Illusion

… und wir sind uns dessen bewusst, dass die Menschen es Illusion nennen. Aber was sonst heisst: eine Welt für sich kreieren? Es ist nur Einbildung, lediglich eine Illusion. Als ob es eine harte Wirklichkeit giebt, wo diese Illusion eingebettet ist, als ob Atome wie Steine sind, und Gedanken oberflächliche Schwingungen.
Wir sind es den Gedanken verpflichtet, sie zu denken, und wenn sie ‘nur’ als Schwingungen in unserem Hirn existieren. Wir verstehen ihre Macht, ihre entscheidende Rolle. Sie erlauben uns ein Zweck, ein ein Zweck jenes Zwecks, und so weiter bis hin zu einem dünnen Endziel, das gar nicht existieren kann weil es von einer endlosen Zweckmäßigkeitskette jenseits der Zeit steht.
Wir entdecken ein Jenseits, eine höchste Illusion, und feinere Ohren spüren dort auch die Verpflichtung, jene Illusion nicht als plumpe religiöse Vorstellung durch die Hintertür einzuladen und sie als höchste Realität misszuverstehen. Hier steht der feinere Geist quer, hier lächelt er und spürt in diesem Lächeln der kosmische Witz der selbstbewußten Zweckmäßigkeit. Hier wappnet er sich auch gegen das Christentum oder dessen Auswüchse wie die Hegelei.
So überkommt ihm die Stille seines edlen Gedanken, wie seine Zweckmäßigkeit garnicht existieren könnte und Existieren folglich darin besteht, die eigene Unmöglichkeit einzuholen. So überkommt ihm die Geistesruhe: in der Einsicht dass die höchsten Zwecke gar keine sind, sondern regulative Ideen, wie der alte Kant sagt, und sie aufzugeben wie der Nihilismus will, alle ‘niedere’ Zweckmässigkeit leugnet, ja sie eben als niedrig abwertet.

149. An Goethe

Die Worte können nur zerlügen
was uns zur Sinne wird geführt
und uns’re Tugende sind nur Züge
jener Kraft, die stets verführt

148. 

Die Lust zu kultivieren mit Bezug auf etwas, das wir nicht wissen, weil wir es nicht wissen. Das soll unsere beste Waffe gegen die Angst sein.