Goethe


58. Nachahmen

Sieh weg, wo eines Künstlers erklartes Ziel es ist, etwas “im Stile von” zu schaffen, denn dieses Etwas wird schon wegen dieser Signatur weit hinter dem Original zurückbleiben. Es parasitiert auf der Autorität des Originals fur eine einfache Anerkennung als Kunst. Nein, nachahmen soll nur dann erlaubt sein, wenn es das stolze Ziel hat, zu verbessern, zu überkommen – und an der Unwahrscheinlichkeit, dass dies tatsächlich gelingt, sollte uns nichts gelegen liegen. So haben die Großen ihr “Material” (ob Faust, Parzival) behandelt, und so sollten wir die “Großen” behandeln, insofern ihre Stimme uns noch anspornt. Wie also lesen wir Goethe, Schiller, Heine, Nietzsche? Durch den kühnen Versuch – und dessen glanzvolles Scheitern – sie in Dichtung zu verbessern.

13. Ruhm

Werde nun, ach, für alles hoch gelobt
kein Mensch erspart mir seine Komplimente
all was faul und dumm in meinem Geiste tobt
hält locker hundert Kritiker aus der Rente

Es fließt jetzt alles der Anstrengung bar
und ohne Grübeln mir aus der Feder
und wenn’s den Herren Rezensenten zu blöde war
dann ziehe ich auch gegen sie vom Leder

Ich bekomme prompt eine Schelte von ihrer Hand
“was haben Sie denn da Übles geschrieben?”
doch da jeder alles mit allem geistlos verband
krieg ich mein eigenes Opus unter die Nase gerieben

Sie sind nun so begeistert über was ich alles schrieb
sie bündelen meine Briefe in ein hübsch broschiertes Band
ach! Ein Bestseller wird’s sein, ein schöner Seitenhieb
Glauben Sie’s mir, dafür stehe ich garant

9. An Goethe

Goethe. Painting by Luise Seidler (Weimar 1811)

Porträt Seidler

Dass die Worte nur zerlügen
was uns zur Sinne wird geführt
und unsere Tugende seien nur Züge
jener Kraft die stets verführt