Fundstücke


139. Eine Anfrage

Ich bekomme eine Anfrage.
Ich sage zu.
Zehn Minuten später eine Nachricht:
“Hat sich leider schon erledigt.”
Warum “leider”? Soll es nicht einfach nur
für alle erfreulich sein
wenn Aufträge erledigt werden?
Welcher hinterhältige Dämon hat sich da in unser Gespräch eingeschlichen? Wer
hat sich leider schon erledigt?

Soll ich denn trauern, dass jemand anderes die Arbeit getan
die ich hätte machen können?
Entweder es hat tatsächlich jemandem Leid zugefügt
und zwar soviel, dass dieses Leid Ausdruck verliehen werden musste
in der von mir empfangenen Nachricht.
In diesem Fall kann man behaupten, dass der Auftrag hätte vermieden werden müssen, aber
das trifft nicht zu, denn es –
hat sich leider schon erledigt.

Oder aber dieses Leid wird als etwas betrachtet, das man
gedankenlos erwähnt, während der Absender eigentlich durchaus
Freude empfindet des erledigten Auftrags wegen.
In diesem Fall aber könnte es dem Empfänger jener Nachricht
als Hohn und Verspottung vorkommen.
Macht man sich etwa lustig über ihn?
Und schickt ihm aus Schadenfreude die Nachricht:
Hat sich leider schon erledigt.

Und du, Empfänger, hast Pech
Dass du den Auftrag nicht machen musstest
Dass du nicht für uns arbeiten musstest
Das teilen wir dir mit, Erniedrigter
Du bettelst nicht um Brot sondern um Arbeit
Wo ist deine Ehre? Weisst du denn nicht,
dass es Arbeitskraft im Überfluss gibt
und dass sie bald überflüssig ist? Ja, es
hat sich leider schon erledigt.

Weisst du denn nicht, dass an deiner Stelle
eine Handvoll Erniedrigte hoffen, den gleichen Auftrag
von uns zu erhalten? Unter ihnen ist einer, der hat ihn bekommen
Für ihn ist es nicht “leider”! Ihm
schreiben wir gleich “Herzlichen Glückwunsch!”
Er darf sich freuen, denn er hat “es” geschafft.
Aber du nicht. Du sollst ihn hassen. Aber dein Hass –
Hat sich leider schon erledigt.

Denn es gibt in der Welt des Präkariats
nur ein absolutes Verbot: sich nie mit dem
Anderen, dem Fremden, dem Nebenbuhler – solidarisch zu erklären.
Dass du anfängst, dich und ihn als Teil eines großen Ganzen
zu betrachten. Denn ein großes Ganzes kann das Kapital
dazu zwingen, nur noch Mittel zu sein.
Und das, verstehst du, das ist das größte Sakrileg.
Kannst du dir ausdenken, was für eine Strafe es dafür gibt?

Es hat sich leider schon erledigt.

135. 

ein alfatier kann man schon von weitem riechen
dafür braucht man nicht in seinen arsch zu kriechen

125. 

Geld erlaubt einen genauen Ausdruck unserer Wertschätzung und wem etwas zusteht. Seine wichtigste Funktion ist die eines Gerechtigkeitsfetisch – Harry Gabe, Befürworter der Geschenkökonomie

123. Dolländisch II

Das vorige Mal sassen Jan und Henk in einem Krug und hatten sie ein Buch geschrieben über die gewaltige dolländische Kultur. Und ein Spaß dass sie hatten! Sie hatten einander belobt sich noch einmal zu entmüßigen, und diese Woche ist es so fern. Sie gingen nach innen und gingen an einem freien Tischlein sitzen.
So, sagt Jan, es gibt viel zu besprechen. Welche Unterwerfen willst du behandlen?

Macht mir nichts aus. Henk holte seine Schultern auf. Lassen wir es haben über die Migranten. Ja, das ist arg. Die armen Leute haben es kalt und werden dann auch noch in einander geschlagen und ihre Asylsucherszentren werden in Brand gestochen. Aber es sind da gewohn zu viele. Wir können doch nicht somahr alle Flüchtlinge ins Land lassen? Weil die hart werkenden Bürger selber schon so wenig bekommen. Es ist eine schwere Frage. Niemand hat eine Antwort.

Jan guckt traurig. Und weißt du was es ist? sagt er. Diese Migranten sprechen oft sehr schlecht Dolländisch. Henk ist es mit ihm eins. Wir sollten keine Flüchtlinge mehr akzeptieren, die kein Dolländisch sprechen. Es ist doch nicht zu glauben, dass wir sie in unsere Maßschaffei lassen ohne dass sie Dolländisch sprechen?

121. Brutoinlandsprodukt

Sehen Sie, so wie wir hier sitzen auf dieser Wiese, leisten wir keinen Beitrag für die Wirtschaft. Warum erteilen wir uns nicht gegenseitig Yoga-Unterricht? Wir alle zahlen unseren Nachbarn dafür 1000 Euro. Das Brutoinlandsprodukt wird entsprechend wachsen denn es zählt die Gesamtumsätze aller Teilnehmer – und wir kriegen alle gute Laune.

– Aber das ist bloss ein Taschenspielertrick. Es wird nichts Reales produziert. Dieses Wachstum ist lauter Illusion.

Also gut. Wir sollten alle diese Wiese verlassen und anfangen, für die Waffenindustrie zu schuften. Es wird dann real etwas produziert und wir könnten damit vielleicht sogar das gleiche Wirtschaftswachstum erzielen – und diesmal wird es keine Illusion sein.