Komrij


106. Der Favorit

Das Fabelwesen, das ich in meinen Gedanken mit mir trug
Ein Polyp mit Schwungrad und auf Stelzen, der singt
Von seiner Vorliebe für Vergewaltigung und Betrug
Und seinen Urlaub gerne auf Müllhalden verbringt.

Er stinkt von Bielefeld bis Paderborn.
Seine Lippe ist schief und es quillt Eiter.
Er haßt die feinen Leute aber sein Zorn
Gilt auch dem Kaufmann und dem Bauarbeiter

Er gehört zu den delikateren Tieren
Mit Schuppen aus Perlmutt, und ein Geschirr
Aus rostigem Eisen, ein Kuckucksjunge

Wer ihn sieht möchte ihn mit Messern kastrieren
Die schärfer sind als eine Menschzunge,
Und das sich nur lässt streicheln von mir.

[Nachgedichtet von Gerrit Komrij, de favoriet. Original auf kb.nl]

104. Bilanz

In meiner tiefsten Not, in den dunkelsten Stunden
Als der Boden verschwunden, auf dem ich stand
Da hat mein Mund erhobene Worte gefunden
Da ist mir die Sittenlehr bekannt.

Während ich weise Worte fabriziere
Für Freunde die verwundet sind und verletzt
Während ich mich in meinem Innern verliere
Hören sie nur mein Zwitschern bis zuletzt

Es scheint, als sei ich tatsächlich gescheit
Doch diese Weisheit die ich scheinbar ganz
besitze, ist ausgefranst wie ein altes Seil

Gott hat mich viel weniger Zeit
Beschäftigt als das Wetter und mein Sparbilanz
Meine Klugheit sitzt in meinem Hinterteil.

[ Nachgedichtet von Gerrit Komrij, Balans, Original auf kb.nl ]

102. Zizi Maelstrom

Wobei der Autor sich in trüben Reflektionen über das Alter verliert und Hypochonder dazu auffordert, sich das folgende Gedicht sofort zur Kenntniss zu nehmen:

Wenn du so alt bist wie die Zizi Maelstrom
Ist um dich herum fast immer alles dunkel
Deine Augen: fahl sind sie und verwittert wie Rom
Deine Arme und dein Bauch: Knochen. Furunkel.

Deine Freunde sind, wie man sagt, ‘gegangen’,
Deine Träume: tod; deine Hoffnung: Nachgelassen;
Deine Jugenderinnerung: Seit ewig vergangen;
Du riechst: Verfaulen, du siehst: Verblassen.

So hat sich Zizi eines Abends vor den Spiegel gerungen
Und sah wie es in ihrem Bauch hohle Löcher schlug
Dann war sie geil, und ihre Hüfte schwungen
Als sie sich befriedigte mit dem Branntweinkrug.

[Nachgedichtet von Gerrit Komrij – “Op de planken”; Original auf http://www.kb.nl/dichter-op-het-scherm/dichter-des-vaderlands/gerrit-komrij/keuze-uit-komrijs-gedichten/op-de-planken]

101. Tod eines Prinzen

Wurde er nicht, von der Liebe zu uns verführt
Hier aufgewartet mit Hass und Gewalt?
Dem Volk lächelte er zu, wie es sich gebührt
Doch seine Meinung liess es völlig kalt

Alte Wunden ehrte er weil er nie den Mut verlor
Wie ein Prinz dem Volk entgegenzuschreiten
Mit Diskretion, Intelligenz, und Humor –
Merkwürdige Fähigkeiten.

Mit seinem Tod scheint auch seine Art begraben:
Ressentiment und Kleinheit herrschen wieder vor
Sehe ich Tränen? Wer kann noch Glauben haben
an die Trauer dieses Volkes, das 1974 verlor?

[Über den Tod des Prinz Claus 2002; in Original auf www.kb.nl; nachgedichtet von Kamiel Choi]