Fundstücke


85. Burkina und die Frankfurter Schule

Gestern in der FAZ: “Bundesverwaltungsgericht gibt Frankfurter Schule recht”.

Endlich! Die Dialektik der Aufklärung gerichtlich anerkannt. Horkheimer und Adorno rehabilitiert. Die zwangsläufige Umnachtung des Abendlandes, die wir gerade erleben, ist damit theoretisch auf festen Füssen gestellt. Die unbequeme Wahrheit – die manchen Recenzenten der Aufsatzsammlung von 1947 entgangen ist – dass das Projekt der Aufklärung immer dann mehr Düster erzeugt als es verdrängt, wenn es versucht, unsere innere Natur zu entmythologisieren, ist endlich von Seiten der Juristerei bescheinigt. Nicht dass sie es gebraucht hätte, aber immerhin.
Dass Mädchen gezwungen werden können, am koedukativen Schwimmunterricht teilzunehmen, weil der Vollkörperbadeanzug, der Burkina, eben keine Einblicke gewährt, wird allgemein als Sieg einer Integrationspolitik gesehen, die aber das “auf einander zugehen” und der “offene Dialog” um jegliche Spontaneität bringt, indem sie sie verpflichtet.
Nicht nur den gesunden Jungen, die neben dem integrierten Moslimmädchen schwimmen und neugierig auf seine verpackte Brustregion schielen, dichtet man einen absoluten Mangel an Vorstellungsvermögen zu; auch den Bürgern wird die Fähigkeit abgesprochen, ohne staatliche Intervention miteinander klarzukommen. Eifrig wird versucht, Untertanen zu kreieren, die sich jene Form instrumentalisierter Rationalität verschreiben, die ihre gelebten Paradoxen aufzulösen nicht kühl dem Sonntagnachmittag überlassen kann – was sie letztendlich konsequent in die Selbstzerstörung treiben wird.

Mit anderen Worten: Aus Integration wird eine Trockenschwimmübung, und durch den Fleiss der Richter schlägt früher oder später die Aufklärung mal wieder in ihr Gegenteil um. –
Eckhard Krohneimer, überlebender Achtundzecher

69. Religion

Vor 1 Jahrhundert schrieb ich:

1. Religion ist eine giftige, aber geistesgeschichtlich notwendige, Phase der menschlichen Organisation
2. Der Glaube an Erlösung beleidigt die Erde
3. Auf jeden Vorwurf über die Unverständlichkeit der Religion reagiert der Glaubige “Genau so ist es – und darum ist der Glaube auch so unglaublich schön”
4. Diese ungeheuerliche Schizophrenie birgt eine kleine und eine große Gefahr.
5. Die Religion bringt Menschen um den Verstand, sie ist dogmatischer Selbstbetrug und als Liebe getarnter Hass gegen das Leben
6. Und die große Gefahr: dass der Nihilismus nicht rechtzeitig kommt, um die Scheune der Vernunft zu kehren
7. Die Trümmer der Religion werden das Ausmaß der Unvernunft zeigen
8. Wo gebetet wird, wird ausgebeutet
9. “Wenn Gott tod ist, ist alles erlaubt.” Im Gegenteil: Solange es einen Gott gibt, werden wir Ihn alles erlauben lassen
10. Religion ist Hysterie

49. Selbstgespräch

“Willkommen in Ihrem Text.”
-“Herzlichen Dank für diese Zumutung.”
“Fangen wir mit der ersten Frage an. Sie schreiben Deutsch?”
-“Nein. Ein teil von mir wird auf Deutsch geschrieben.”
“Was meinen Sie?”
-“Ich schreibe um den Rotz in meiner Seele loszuwerden. Und manchmal gibt es eben teutonischen Rotz.”
“Fühlen Sie sich dankbar?”
-“Weswegen?”
“Als Gast in der deutschen Sprache.”
-“Als Gastarbeiter?”
“Sie wissen, was ich meine.”
-“Ich besudele sie. Es wäre besser wenn ich schwiege.”
“Schwiege?”
-“Schwüge.”
“Das gibt es nicht.”
-“Ich verbiege die Sprache bis sie berst.”
“Sie müssen sich an die Regeln halten.”
-“Ich muss nur meinen Rotz loswerden, warum mich vermaledeien?”
“Tun Sie das. Ambitionen haben bei Ihnen nichts verloren.”
-“Ohne Trommelwirbel schaffe ich mir ein Universum.”
“Vielen Dank fur dieses Gespräch.”

26. Shaka Zulu

Shaka Zulu (1785 – 1828) hatte etwa 1200 Frauen, die er seine „Schwester“ nannte. Aus Angst vor Nachwuchs hatte er Schwangerschaft verboten. Er betrieb daher anstatt Kohabitation eine Form von unvollständigen Gemeinschaft, die ”Ukuhlobonga“ hieß.

12. Triebabsorptionstheorie

triebabsorptionstheorie van E.H. Gotefreud, Zeitgenosse des Georg Lichtenberg

Unser Verhalten wird bestimmt durch eine associative Gruppe von Reactionsregeln, die bestimmen, wie wir mit Eindrücken (mental oder sinnlich) umgehen.

Diese Gruppe von Reactionsregeln ist de facto ein Trieb. Die Vorstellung dass eine Entität im Nervensystem dem Verhalten vorausgeht ist falsch [und] es ist eine begriffliche Abstraction. Der gleiche Triebzusammenhang tritt immer wieder neu auf. Nun lassen sich so Triebe identificiren. Festere Triebe sind Verhaltensmuster oder Regeln die vor der Geburt an erlernt werden, wie zum Beispiel der Saug-reflex. Sie [diese Verhaltensmuster] lassen sich doch ändern, jedoch dies kann nur sehr aufwendig geschehen. Beispiele belegen dies.

Das Resultat dieser Regeln ist ein bestimmtes Verhalten oder eine Interaktion mit anderen Regeln. Diese Interaktion kann zu Absorption der ursprünglichen Trieben führen: dazu dass ihm nicht gehorcht wird und ein anderes Verhalten sich einstellt. Das Verhältniss der Trieben unter einander ist folglich zu beschreiben als ein ständiger Kampf.

Nur darum können wir die Triebe und deren Absorption identificiren. Die Identification geschieht im Nachhinein, wir können nicht das Walten der Triebe selbst beobachten.

Die Absorption findet auf vorbewusste Ebene statt und das was [wir] später als unsere Freiheit identificiren ist damit bereits vorgegeben.

Wenn sich die Triebe hinreichend heraus gebildet haben, dann eröffnet sich gleichwohl die Möglichkeit ihrer Absorption als Resultat ihrer Interaktion (durch gegenseitige Auslöschung).
Darin erblicken wir eine Vorstufe des bewussten Willens.

Weil Interaktion auf höherer Ebene sich abspielt zwischen bewusst erinnerte Regelschemata […] Wir erinnern uns zum Beispiel Gerüche und unsere Reaktion stellt sich dann darauf ein. Wenn dieser junge Trieb infolgedessen vom Gesamttriebkomplex absorbirt wird, und ein anderes Verhalten sich ergiebt, dann erfahren wir die Diskrepanz zweier Welten und dass wir eine Rolle spielen und werden [uns] unsere Handlungsoptionen bewusst. […] diese Handlungsoptionen sind indessen das reale Ergebnis zweier Treibkomplexe die sich gegenseitig auslöschen und neutralisieren.

Der bewusste Wille als Effect [kann] daher durch zwei oder mehrere Triebe simulirt werden, aber nie durch ein Einziger.
Dies kann aber nur im Contexte unseres gelebten Leibes statt finden, weshalb der bewusste Wille am Leibe gebunden ist. Seine Existenz haben wir bisher nicht nachgewiesen (ich beabsichtige, dies bald vorzunehmen). Es haengt damit zusammen, dass die sich gegenseitig auslöschenden Triebe in der zarten Region des beinahe balancirt-seyns, sich dermaassen leicht umkippen lassen, [dass] wir dies bewerkstelligen können indem wir nur daran denken. Damit wäre auch der freie Wille und seine Funcktion im Geistesleben dargelegt.