Gedichte


104. Bilanz

In meiner tiefsten Not, in den dunkelsten Stunden
Als der Boden verschwunden, auf dem ich stand
Da hat mein Mund erhobene Worte gefunden
Da ist mir die Sittenlehr bekannt.

Während ich weise Worte fabriziere
Für Freunde die verwundet sind und verletzt
Während ich mich in meinem Innern verliere
Hören sie nur mein Zwitschern bis zuletzt

Es scheint, als sei ich tatsächlich gescheit
Doch diese Weisheit die ich scheinbar ganz
besitze, ist ausgefranst wie ein altes Seil

Gott hat mich viel weniger Zeit
Beschäftigt als das Wetter und mein Sparbilanz
Meine Klugheit sitzt in meinem Hinterteil.

[ Nachgedichtet von Gerrit Komrij, Balans, Original auf kb.nl ]

102. Zizi Maelstrom

Wobei der Autor sich in trüben Reflektionen über das Alter verliert und Hypochonder dazu auffordert, sich das folgende Gedicht sofort zur Kenntniss zu nehmen:

Wenn du so alt bist wie die Zizi Maelstrom
Ist um dich herum fast immer alles dunkel
Deine Augen: fahl sind sie und verwittert wie Rom
Deine Arme und dein Bauch: Knochen. Furunkel.

Deine Freunde sind, wie man sagt, ‘gegangen’,
Deine Träume: tod; deine Hoffnung: Nachgelassen;
Deine Jugenderinnerung: Seit ewig vergangen;
Du riechst: Verfaulen, du siehst: Verblassen.

So hat sich Zizi eines Abends vor den Spiegel gerungen
Und sah wie es in ihrem Bauch hohle Löcher schlug
Dann war sie geil, und ihre Hüfte schwungen
Als sie sich befriedigte mit dem Branntweinkrug.

[Nachgedichtet von Gerrit Komrij – “Op de planken”; Original auf http://www.kb.nl/dichter-op-het-scherm/dichter-des-vaderlands/gerrit-komrij/keuze-uit-komrijs-gedichten/op-de-planken]

101. Tod eines Prinzen

Wurde er nicht, von der Liebe zu uns verführt
Hier aufgewartet mit Hass und Gewalt?
Dem Volk lächelte er zu, wie es sich gebührt
Doch seine Meinung liess es völlig kalt

Alte Wunden ehrte er weil er nie den Mut verlor
Wie ein Prinz dem Volk entgegenzuschreiten
Mit Diskretion, Intelligenz, und Humor –
Merkwürdige Fähigkeiten.

Mit seinem Tod scheint auch seine Art begraben:
Ressentiment und Kleinheit herrschen wieder vor
Sehe ich Tränen? Wer kann noch Glauben haben
an die Trauer dieses Volkes, das 1974 verlor?

[Über den Tod des Prinz Claus 2002; in Original auf www.kb.nl; nachgedichtet von Kamiel Choi]

63. die grenze meiner welt

diese gegenwart wird uns gewesen sein
sie wird uns in weiten jahren schwindlig machen
nach unzähliger gegenwarte in der wir uns sehen
und wir uns versuchen als hüter dieser kraft

meine liebe
deinen blick zerschmettert sie
und so sehe ich dich
in ein meer kochender farben

meine liebe
es bleibt unser geheimnis
zu leben in weiten,
die gefaltete haut einer ewigen fantasie

meine liebe
dir gehört meine gegenwart
ich lege sie in deine hand
wie eine geschlossene blume

wir bauen uns wieder zu menschen auf.