Gedichte


55. Malerei

der zug des abendlandes rollt weiter
bildersturm diesmal zerschmettern die ikone in den köpfen statt auf dem sockel
wehrt euch liebe menschen ihr sollt euch ein bild malen

ihr sollt bilder malen
sofort!
recht viele bilder
mit der farbe euer schicksal, mit der farbe euer spaß
malt!
mit der farbe euer unruh, mit der farbe euer hass
malt!
mit der farbe euer stolz, mit der farbe euer nichts
malt!

so lange es noch farben gibt malt

verdammt noch malt.

53. Blumentopf (Warnung schwarz)

die Finsternis beheimatet keine Blumen
dumm-zitterend, mit leeren Magen
kotzen will ich aber ich kann es nicht
ein Ziehen, das ich einst Hunger nannte,
eine mechanische Kontraktion
es krümmen sich meine Finger
wie Baumwurzeln in diesem Augenblick
festgeschlagen, oder versteinert
wie weiß ich was
die Zähne knirschen in meinem Mund, meine lahme Zunge ist Blei
der Kopf steht schmerzlich auf dem Genick
kotzen das ganze innere rauskotzen
verdammt dieses ganze Selbst mit seinen schwefelbrennenden Erinnerungen

Fuck!

die Augenlider fallen und hinter der totesmaske brennen die Mühseligen ein Gesicht, oder bauscht sich das Selbst auf
nur weil es sich nicht auskotzen konnte.
warum haben sie bei mir diese Dunkelheit installiert?

und auch: dieser Text ist inhaltslos
es ist ja ein Text und kein Blumentopf

52. Der Bass

zierlich geschwungener Klangkörper
tiefdunkelschwingende Saiten
die spürbare Angeschlagenheit der Luft
eine Bettung dem Rhythmus
Töne die auf der Suche scheinen
bis kurz nachdem dein Ohr sie spürt

48. Geld

Ein Zeichen hat seine Deutung erschlagen
bekam die fremde Macht, die in uns waltet
eine Sprache, mit der wir stets uns plagen
weil sie alles gleich und ungleich schaltet

Alles ist Austausch und alles Vergleich
Lob dem Handel und Lob dem Verstand
machtlos heisst arm, und mächtig ist reich
und Wert sei nur als Wechselwert bekannt

Die toten Zeichen werden still geduldet
denn sie sind unfühlbar wie die Nacht –
darin bleibt sich an sich verschuldet

Wir für immer sind der Schuld verpflichtet
verpfändet an der Wurzel dieser Macht
die uns hat zu einer Zahl verdichtet

Cornelius Knoppenbroch (1785-1914)

44. Napoleon

Die Welt ist unerträglich stumm
Schlag für Schlag rückt sie  ins Licht
Hinauf! Hinaus! Wühlt sie um!
Laßt sie brennen in mein angesicht

Und erleuchte auch die Schatten
Die beim Kampf aus euch entstehen
Der Niederlagen, die uns ermatten –
Dass wir sie im Sieg entgehen

Jede Schlacht braucht einen Namen
Dessen Grösse treibt uns fort
Er verbindet in den Dramen
Krieg und Feldherr, Schwert und Wort

Wo einst die Schlacht ist nun die Wiese
Vergessen! muss das Schicksal sein
Und man kämpft, wie jener Riese
Bis zuletzt, mit sich allein