90. Der Hass

“Ich bin heute hier, wegen einer Hässlichkeit in meiner Seele” sprach der Jüngling leise und beschämt. Der Weise antwortete nicht, und er musste sich dreimal wiederholen.
– “Was willst du? Dass ich diesen Hass austreibe? Diese Hässlichkeit?”
“Ja, bitte. Mach mich wieder heil.”
“Hörst du das Echo des Donners, wie es durch die Täler rollt?” sprach der Greis.
Der Jüngling nickte kurz.
“Was sagt es dir?”
– “Dass der Regen kommt?”
Der Weise schüttelte den Kopf.
“Es zeigt uns, dass alles einen Widerhall hat, dem wir uns nicht entziehen können. Und was bedeutet das für den Hass, den du spürst?”
Der Jüngling gab auf.
“Sein Echo ist wie das Echo des Donners. Es gehört zu deinem Leib. Du sollst verstehen.”
– “Aber gesetzt ich höre auf diese Stimme, ich würde nur vernichten.”
“Wer sagt, dass wir ihn in die Tat umsetzen müssen? Der Hass hat seinen Platz in unserer Seele, er macht sie zu dem Ort der Entscheidung, der Lebensbejahung. Und das ist es, was der unreife Geist und die unreife Kultur aufzuheben sucht: die Spannung zwischen dem betrachtenden, und dem tätigen Leben.”
Der Jüngling schien verwirrt, und der Weise schüttelte lächelnd den Kopf. Dann holte er eine Kachel aus seiner Tasche, und gab sie dem Jüngeren, der gleich las:
“Handle nie aus Hass. Wenn du Hass spürst, streng dich an, das Gegengewicht an Liebe zu spüren. Dann mach sie alle fertig. Denn es ist immer aus Liebe, dass wir handeln müssen. Denn es ist immer aus Liebe, dass wir handeln müssen.”
Der junge Mann wollte nachfragen, der Weise aber war gegangen.

Sapere aude: